Skyline II by Stefan Arand

Ein Kirchenschiff mit aufgebrochenem Tonnengewölbe und einem sichtbar gealterten Restaurierungsgerüst davor; ein jahrzehntelang ungenutzter Bahnhof vor verschneiter Bergkulisse; ein halb in Pfützen und Matsch versunkenes Wohnhaus; eine leerstehende Wohnanlage hinter einem Meer von Autoreifen – das sind einige der Motive, die Stefan Arand als Werkgruppe unter dem Titel Forgotten Places präsentiert. Was spektakulär klingt, wird in großer Ruhe vorgeführt: Meist breit gelagerte Ansichten in mildem Licht mit feinster Zeichnung noch im entlegensten Detail, dazu oft von enormer Größe, laden die Bilder zu einem Wechselspiel der Betrachtung ein. Aus mittlerer Distanz glaubt man das gesamte Motiv überblicken zu können und wird geradezu magisch in die Nähe gezogen, um dieses oder jenes Detail näher in Augenschein zu nehmen – was unwillkürlich dazu führt, wieder zurückzutreten, um die gesamte Komposition zu verstehen. Und: Wer denkt, vor fotografischen Bildern zu stehen, weiß doch, dass das nicht so ganz stimmt. Bevor er sich Bildern dieser Art zuwandte, hat Stefan Arand eine kaufmännische Ausbildung absolviert, Mathematik studiert und fast zwei Jahrzehnte lang multimediale Teams geleitet. Seit Schülertagen hat er fotografiert und dies später umfassend professionalisiert. Irgendwann verwischten sich bei ihm alle Grenzen der Gestaltung im digitalen Feld: Die stitching machine des NASA-Rovers für die Panoramabilder vom Mars wurde zeitweise zum Instrument, das gleichberechtigt neben der einzelnen, fotografischen Aufnahme stand. Am Ende kann auf diesen Bildern von Stefan Arand nicht mehr zwischen den künstlerischen Verfahren der Collage (analog: Zusammenkleben) und der Montage (analog: Einbelichten) unterschieden werden. Beide sind seit gut hundert Jahren wichtige Elemente der gesamten modernen Kunst, und das in jeder Gattung und jedem Medium. Auf den Bildern von Stefan Arand ist klar zu erkennen, dass das Ergebnis dieser Verfahrenstechniken eine bis ins kleinste Detail kontrollierte, außerordentlich komplexe Komposition ist. Das rechtfertigt auch die Größe des Bildes: Es wird als einzelnes, autonomes Kunstwerk gesehen und verstanden. Selbst der technische Begriff des Gigapixelbilds darf nicht als Superlativ missverstanden werden, sondern soll schlicht bedeuten, dass kein Detail zu klein ist, um nicht noch aus Tausenden noch kleinerer Details zu bestehen. Und ist in solch einem Bild ein Quadrat sichtbar, gehört es zum Motiv und nicht zur Digitaltechnik. Selbstverständlich müssen diese Kompositionen als ganzes Bild wirken, vom beschriebenen Raum wie von der Lichtsituation her; und als Bilder stellen sie sich den Vorbildern der Kunstgeschichte. Mal wird in einen Kirchenraum hineingesehen, dessen Fenster so im Sonnenlicht gleißt, wie es in den Kino-Bildern von Hiroshi Sugimoto aufscheint. Ein anderes Mal zieht ein Gewitter auf, wie es nur ein Théodore Géricault für das Floß der Medusa ersinnen konnte. Der barock heitere Blick in den Himmel mit John Constable’s Cloud No.9 weicht dem gorgonischen Schrecken der brutalen Zerstörung und augenscheinlichen Vernachlässigung des Gebäudes, ganz wie in den Ruinen Hubert Roberts. Der im Gras versinkende Altarraum mit der blinden Lünette darüber demonstriert, wie nah gerade der südeuropäische Barock dem Grotesken in der Kunst kommt, und die Seitenschiffe einer zerstörten Kathedrale gemahnen an Gianbattista Piranesis römische Ruinendrucke wie an seine Carceri. Und schließlich lässt der Blick auf einen Steinbruch jede Proportion als Verweis auf reale Größen vermissen, ganz wie es Christian Rohlfs mit seinen vor-expressionistischen Gemälden gezeigt hat. Stefan Arand führt in seinen Bildern ein ganzes Repertoire der Ikonografie vor und hat doch keine pädagogischen Ambitionen: Es sind schlicht kluge Kompositionen voll kultureller Erinnerung. Mit Stefan Arand werden die Forgotten Places zu Momenten wie Monumenten des Verstehens von Geschichte und Kultur; sobald man vor diesen Bildern steht und mit ihnen oder darüber spricht, werden sie zur bildenden Kunst. Mehr kann ein Bildermacher, gleich welchen Mediums, nicht wollen.

Rolf Sachsse

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